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Glücklich sein liegt in unserer Natur

Wenn du für einen Moment eine Fliege an der Wand sein dürftest, welche Situation in der Vergangenheit würdest du beobachten wollen? Du kannst nicht intervenieren, du kannst die Situation nicht beeinflussen, du beobachtest nur aus reinem Interesse. 

Egal, woran du gerade denkst, du kannst dir bestimmt die Befriedigung vorstellen, die dir dieser Moment verschaffen würde. Was wäre, wenn du diese Befriedigung jeden Tag spüren könntest? Dafür musst du nichts anderes tun, als eine Fliege an der Wand zu werden. Wie das geht, erfährst du in diesem Beitrag.

Kennst du das, wenn du eigentlich gerade in eine Aktivität vertieft sein solltest, aber plötzlich ein Gedanke aufploppt und sich dieser weiterspinnt bis ins Unendliche? Wenn man z.B. ein Buch liest und einem einfällt, dass man noch vorhatte heute einkaufen zu gehen und beginnt, im Kopf zu planen, wann man mit dem Lesen fertig ist, dass man sich noch anziehen müsste, eigentlich wollte man noch die Haare waschen und etwas vorbereiten und überhaupt – wieso geht mein Partner nicht einkaufen? Er macht in letzter Zeit gefühlt echt wenig im Haushalt, das ist total nervig. Vielleicht sollte man einfach mal ein paar Tage nichts machen, um zu zeigen, was dann alles liegen bleibt. Und zack – wurde aus dem neutralen Gedanken ein weiterer Gedanke, dann ein Gefühl, dann eine Handlung. 

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Diese Art von Gedankenkaskaden können zwar in anderen Beispielen positiv sein, aber sind wir mal ehrlich – in den meisten Fällen regen wir uns am Ende nur über irgendein wildes Szenario auf, das eigentlich nur in unserem Kopf stattgefunden hat. Overthinking, wie es auch im Alltag genannt wird, hat mit Sicherheit jeder schon einmal erlebt. Manche erleben das leider viel häufiger als andere und können damit massiv ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen. Umso wichtiger, dass man sich über Strategien informiert, die gezielt dagegen angehen. Ich möchte hier eine unglaublich wirksame, wie auch populäre Strategie vorstellen, denn meiner Meinung nach kann man nicht oft genug darüber lesen und sprechen. 

Die Rede ist von der schon so oft gehörten Achtsamkeit. Sie ist für unser Lebensglück von unglaublicher Bedeutung, deswegen möchte ich ihr in diesem Beitrag den angemessenen Raum widmen. Wenn du die Glücks-Strategien meiner vorherigen Beiträge in deinem Alltag anwendest, hast du schonmal gute Chancen, dass die Gedankenwellen, die manchmal über einen kommen, überwiegend positive sind. Dennoch dürfen wir nicht unterschätzen, wie schnell wir ins negative Overthinking hineinrutschen, deswegen ist es hilfreich für unser Wohlbefinden, das gar nicht erst zuzulassen.

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Es ist einfacher gesagt als getan, seinem Kopf den Befehl „Stop“ zu geben, sobald man sich beim Overthinking ertappt. Deswegen lohnt es sich, das „Stop“ etwas detaillierter zu betrachten. Die Kunst ist es, seine Gedanken mit Neugier und Interesse zu beobachten, aber so neutral, als würden sie jemand anderem widerfahren. Die reine Beobachtung und bloße Aufmerksamkeit zu trainieren, unterbricht nämlich genau die Gedankenketten, in denen wir uns häufig verstricken. Der Versuch, objektiv zu beobachten, macht uns erstaunlicherweise nicht distanzierter zu uns selbst, sondern feinfühliger, da wir uns ganz bewusst wahrnehmen im Hier und Jetzt.

Wir können uns negative Gedanken wie Wolken vorstellen. Von weitem sehen sie fest und voll mit Substanz aus, wenn wir jedoch in sie eintauchen und beobachten, lösen sie sich auf und werden transparenter. Dann können wir die Gedanken in Einzelbeobachtungen aufbrechen: Habe ich Herzrasen? Feuchte Hände? Ein flaues Gefühl im Magen? Indem wir die reinen körperlichen Reaktionen beobachten, reduzieren wir die in Ganghaltung der Gedankenkaskade in unserem Kopf.

Paradoxerweise geschieht genau das Gegenteil mit positiven Gefühlen: Achtsamkeit verstärkt diese Gedanken und Gefühle.

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Hier bekommst du ein kleines Selbstexperiment, das du eine Zeit lang durchführen kannst, um hinterher ein persönliches Resümee für dich daraus zu ziehen. Stelle dir für eine Woche jeden Tag zu willkürlichen Zeiten einige Wecker auf dem Handy. Lebe ganz normal dein Leben und deinen Alltag. Sobald die Wecker losgehen, beantwortest du folgende drei Fragen:

  1. Welche Aktivität führst du gerade durch?
  2. Bist du gedanklich bei der Sache oder denkst du an etwas anderes?
  3. Wie glücklich bist du?

Dieses Experiment wurde auch vom Psychologieprofessor Raj Raghunathan durchgeführt. Das Ergebnis ist bemerkenswert. Menschen sind weniger glücklich, wenn sie nicht bei der Sache sind – ganz EGAL, was sie gerade machen. Das heißt im Rückschluss, dass man immer besser dran ist, wenn man achtsam ist – ungeachtet der Tätigkeit, die man ausübt. 

Es ist auch irgendwie lustig, dass wir uns selbst darin manipulieren können, so zu werden, wie wir sein wollen. Sich nämlich auf eine bestimmte Weise zu verhalten, formt unsere Persönlichkeit in diese Richtung. Wenn wir achtsam sind, verhalten wir uns so als wären wir glücklich und dadurch werden wir es auch. Dich erinnert Achtsamkeit wahrscheinlich stark an das Flow-Gefühl, das ich in einem älteren Beitrag beschrieben habe. Die beiden Prinzipien ähneln einander auch stark, nur dass Achtsamkeit mächtiger als Flow ist, da es nicht von äußeren Umständen wie der Aktivität, die wir durchführen, abhängt. 

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Achtsamkeit verändert die Hirnstruktur im positiven Sinn. Es verdickt den linken präfrontalen Kortex und reduziert die Aktivität der Amygdala, was unser Gehirn insgesamt zu einem glücklicheren Gehirn macht. Es werden weniger entzündungsfördernde Stoffe produziert, was uns dazu bewegt, besser mit Stress umzugehen. Unsere Fähigkeit, nicht impulsiv in sozial kritischen Situationen zu reagieren, wird gefördert. 

Es sprechen also wirklich wahnsinnig viele Argumente für das Praktizieren von achtsamem Verhalten. Die Zeit dafür im Alltag müssen wir uns einfach nehmen, und wenn es nur zwei Minuten am Tag sind. Wenn wir schon damit beginnen, reduzieren wir unseren Frust und mal ehrlich, dafür hat doch jeder Zeit oder?

Unser Ziel sollte es also letztendlich sein, eine Fliege an der Wand zu werden. Nichts anderes – wir müssen keine unerfüllbaren Erwartungen schaffen. Deswegen sollten wir uns auch bei jeder Übung an folgende Punkte halten.

  1. Jede Session ist neu und ich hege keine Erwartungen.
  2. Das einzige Ziel ist es, eine Fliege an der Wand zu sein.
  3. Bei Ablenkungen werde ich nicht sauer auf mich, sondern habe Mitgefühl mit mir und nehme eine Kurskorrektur vor. 

Quelle: Raghunathan, R. (2016) – If You’re So Smart, Why Aren’t You Happy? How to turn career success into life success, Vermilion, S. 219-237.

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