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Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt…

Lust auf ein kleines Experiment? Es funktioniert aber nur, wenn du wirklich mitmachst und mir vertraust. Es wird sich am Anfang schlecht anfühlen, aber du weißt, dass es mein Ziel ist, dass du langfristig glücklicher wirst, deswegen bitte ich dich um einen kleinen Vertrauensvorschuss.

Denk an ein Erlebnis aus deiner Vergangenheit zurück, an dem du dich so richtig schlecht gefühlt hast – also ein für dich schreckliches Ereignis. Mach den Laptop an und schreibe detailliert auf, was passiert ist.

Wenn du das gemacht hast, möchte ich, dass du zwei Fragen beantwortest. Nutze die Skala 1 (gar nicht schlimm) bis 7 (unglaublich schrecklich) zur Bewertung.

  1. Wie negativ hast du dich gefühlt, als es passiert ist?
  2. Wie negativ fühlst du dich jetzt rückblickend auf das Ereignis?

Und jetzt möchte ich, dass du darüber nachdenkst, wie bedeutungsvoll dieses negative Erlebnis für dich war. Konntest du etwas daraus lernen, was du sonst nicht gelernt hättest, wäre es nicht passiert? Inwiefern hat es dir dabei geholfen, zu wachsen und zu der Person zu werden, die du jetzt bist?

Bevor ich auf die Forschungsergebnisse zurückkomme, möchte ich dich mit diesem fiesen Experiment nicht alleine lassen. Ich mach es dir vor mit einem Beispiel aus meinem Leben.

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Mein Mann und ich haben sieben Monate probiert, ein Kind zu bekommen, bis ich schließlich schwanger wurde. Ich konnte den Augenblick kaum fassen, als der Schwangerschaftstest positiv ausfiel und wollte keine weiteren machen bis zu meinem Frauenarzttermin, weil ich unglaubliche Angst hatte, dass mir dieses Glück wieder „weggenommen“ wird. Eine Woche lang flogen wir auf Wolke 7, bis ich mein Kind nach nur drei Wochen Existenz verlor. Die Fehlgeburt war eine der schlimmsten Ereignisse meines Lebens, was auch die erste Frage beantworten dürfte. Trotz der Tatsache, dass sie erst einen Monat her ist, würde ich meine aktuellen Gefühle mit einer 3 bewerten. Und jetzt kommt der für mich wichtige Teil. Dieses Ereignis war unglaublich bedeutungsvoll für mein Leben, weil ich viele positive Dinge daraus ziehen konnte, die ich nicht oder nicht in dem Ausmaß gefühlt hätte, wäre die Fehlgeburt nicht passiert. Ich bin so dankbar für die Gewissheit, dass ich schwanger werden kann und die Erkenntnis, dass ich ein Wesen, das nur drei Wochen existierte, so unfassbar lieben kann. Mein Mann und ich haben das in unserer Beziehung schwierigste Erlebnis gemeinsam durchgestanden und sind in einer Weise miteinander verbunden, die ohne das Ereignis nicht möglich gewesen wäre. Wir waren in unserer schwierigsten Zeit füreinander da und lieben uns mehr denn je.

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Schauen wir uns die Forschungsergebnisse dazu an. Es ist zunächst nicht verwunderlich, dass die Intensität der Gefühle mit der Zeit abnimmt. Interessant ist, dass negative Erlebnisse tendenziell sogar schneller an Intensität abnehmen als positive Erlebnisse. Das liegt daran, dass wir uns gerne häufiger an positive Ereignisse erinnern und negative lieber ausblenden. Ebenfalls interessant ist, dass wir negative Erlebnisse rückblickend als bedeutungsvoller erleben als positive. Sie bieten uns im Allgemeinen mehr Möglichkeiten für persönliches Wachstum. Wir lernen also sehr stark aus ihnen für unser Leben. Die Momente, die wir am intensivsten erlebt haben, empfinden wir später häufig als die bedeutsamsten. 

Wir sollten uns auch bewusst machen, dass wir schnell dazu neigen, die Intensität und Dauer negativer wie auch positiver Gefühle während eines Ereignisses zu überschätzen. 

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Die Gründe, warum wir mit der Zeit besser mit unseren Gefühlen zurechtkommen, sind vielfältig. Einerseits bieten uns negative Ereignisse, wie bereits erwähnt, die Chance, aus ihnen zu lernen und an ihnen zu wachsen. Andererseits werden wir auch freundlicher und mitfühlender, wenn wir selbst Leid erfahren haben. Negative Erlebnisse machen uns auch weise und wir fühlen uns ein bisschen heldenhaft, dass wir eine schwierige Zeit durchgestanden haben. Schließlich machen sie uns stärker und resilienter. 

Das sollte uns zu denken geben, künftig ein wenig wertfreier gegenüber unseren negativen Erlebnissen zu sein. Das Wissen, das wir aus der Forschung ziehen können, sollten wir versuchen, an aktuellen negativen Ereignissen anzuwenden. Wir benötigen ein gewisses Vertrauen ins Leben, dass uns wieder gute Dinge passieren werden und Schicksalsschläge nicht ewig ihre Intensität behalten. So könnten wir sogar während schwieriger Erlebnisse an die positiven Konsequenzen denken, von denen wir wissen, dass sie durch dieses Erlebnis erzeugt werden. 

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Das klingt ganz schön spirituell und ein Stück weit ist es das auch. Doch durch das Vertrauen darin, dass uns positive Dinge passieren werden, treten diese Dinge auch mit höherer Wahrscheinlichkeit auf. Der Glücksforscher Raghunathan beschreibt das mit den Worten „our beliefs can shape our reality“. Er meint damit den Placebo-Effekt, dass es sich lohnt, generell optimistischer zu sein, weil diese Einstellung einen dazu bringt, auch mehr positive Dinge im Leben zu erleben. Das Schwierige daran ist, dass man die Einstellung nunmal hat oder nicht. Wir können Optimismus jedoch üben, z.B. indem wir Dankbarkeit ausdrücken (siehe kostenloses Material und frühere Blogeinträge). Wenn wir üben, dankbar zu sein für die Möglichkeiten, die sich aus negativen Erlebnissen ergeben, erleben wir sie währenddessen schon als weniger negativ. 

Das war jetzt ganz schön viel Inhalt, daher hilft es vielleicht, diese schwierige, aber sehr effektive Strategie mit einer kleinen täglichen Übung zu ergänzen. 

Schreibe in ein Tagebuch oder Journal jeden Tag drei negative Dinge auf, die dir tagsüber passiert sind und überlege, wie sie sich im Nachhinein als positiv erweisen könnten. Der Beginn wird sehr schwer sein, aber ich garantiere schon nach einer Woche eine Verbesserung der Einstellung gegenüber negativen Ereignissen. Je einfacher es uns fällt, Negatives als lehrreich und bedeutungsvoll zu empfinden, desto glücklicher werden wir insgesamt. 

Quelle: Raghunathan, R. (2016) – If You’re So Smart, Why Aren’t You Happy? How to turn career success into life success, Vermilion, S. 189-199.

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